Moderne - Disziplinäre Perspektiven - Germanistik, Kunstgeschichte und Geschichtswissenschaft

Aus Bauhaus im Westen
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Michael Reucher

Will man ein prägnantes Jahr für „Die Moderne“ nennen, so kommt man unweigerlich auf das Jahr 1919, in dem eine Vielzahl von Fäden für den Moderneprozess nach dem ersten Weltkrieg zusammenlaufen. Tatsächlich gibt es sowohl zeitlich als auch inhaltlich eine große Anzahl verschiedener Bedeutungen von Moderne, die jeweils stark von der fachspezifischen Perspektive abhängig sind.

Moderne als Epochenbegriff

In diesem Artikel sollen verschiedene, interdisziplinäre Zugriffe auf die Moderne als Epochenbegriff im Jahr 1919 aus Sicht der Germanistik, der Kunstgeschichte und der Geschichtswissenschaften auf der Vergleichsebene des 1919 gegründeten Bauhauses untersucht und verglichen werden. Ein wesentlicher Aspekt stellt dabei die Verortung der Moderne im Rheinland dar.

Gesellschaftliche Verankerung der Moderne

Im historischen Vergleich ist die Moderne die erste Epoche, die von den Mitlebenden sogleich als solche erkannt und benannt worden ist (Dipper 2018, 10). Der Begriff der „Moderne“ ist dabei an einen gerichteten Verlauf der Geschichte gekoppelt, der einen Rückfall insoweit nicht zulässt und vom Begriff des Fortschritts abzugrenzen ist. (Dipper 2018, 10). Eine „Moderne-Epoche“ setzt damit eine stabile, gesellschaftliche Verankerung in einem konkreten, gesellschaftlichem Kontext voraus, die unmittelbar von den Mitlebenden mit einer visionären Zukunft als solche erkannt werden.

Entstehungsprozesse der Moderne

Der für die Moderne maßgebliche, grundlegende Wandel vollzieht sich nach dem Aufsatz von Dipper einerseits in langfristigen, evolutionären Vorgängen und Trends, sogenannten Basisprozessen. Daneben tritt kulturwissenschaftlich noch die Selbstwahrnehmung und -beschreibung der Gesellschaften hinzu, die einen aussagekräftigen Indikator dafür abgibt, wann eine Gesellschaft modern wird. In ihrer Gesamtheit als Ordnungsmuster bezeichnet, sind sie epochenspezifisch und erreichen in einem bestimmten Moment die Grenzen ihrer Erklärungskraft. Die Suche nach besseren Mustern verursacht eine Kulturschwelle, die mit zunehmender Steuerungsfähigkeit in eine neue Epoche der Moderne hinüberführt. (Dipper 2018, 11).

Das Jahr 1919 als Ausgangspunkt und Schnittstelle der Moderne

Für die Kunstgeschichte im allgemeinen und die Architekturgeschichte im besonderen stellt das 1919 gegründete Bauhaus eine Schlüsselfunktion für die Moderne in den 1920-er Jahren dar, die bis in die heutige Zeit in außergewöhnlichem Maße gegenwärtig ist. Christof Dipper sieht in seinem Aufsatz zur Moderne (Dipper 2018, 6) aus dem Blickwinkel des Historikers mit dem Ende des ersten Weltkriegs eine Einfallsstelle, da in Deutschland eine erfolgreiche Revolution stattgefunden hatte und damit ein Denken in Diskontinuitäten in Form einer geistigen Erneuerung als Kampfansage einsetzte. Während Architekten wie Ludwig Mies van der Rohe, Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Hilberseimer in Manifesten die Überwindung der Tradition und der Geschichte proklamierten, interpretierten Historiker wie etwa Sigfried Giedion und Emil Kaufmann die Gegenwart als Endpunkt eines historischen Klärungsprozesses. Die Geschichte wurde so zum Repräsentant der Gegenwart. Wie die Bezeichnung „Klassische Moderne“ – nach Ruhl unkritisch - impliziert, umfaßt Moderne einen Moment von überhistorischer Bedeutung (Ruhl 2015, 38).

Zusammenführung kultureller und gestalterischer Kräfte

Eine Spielart der Moderne um 1919 stellt die Bündelung verschiedener, bis dahin getrennter Kräfte im allgemeinen Kulturbetrieb dar. Dazu gehört insbesondere die „Schaffung neuer Ausbildungsstrukturen und Betätigungsfelder für und mit den Mitteln der modernen Kunst“ (Mues 2018, 166). Walter Gropius proklamiert mit dem Bauhaus-Manifest vom April 1919 eine grundlegende Neuordnung der Kunst- und Gewerbeausbildung an den Kunstschulen und fordert durch einen Bruch mit der Tradition an den klassischen Kunstschulen zu einem radikalen Umdenken auf. Gropius beabsichtigt die bisher getrennte Ausbildung im Bereich der bildenden Kunst (Architekten, Maler, Bildhauer) und im Handwerk wieder als Einheit zusammenzuführen und die handwerkliche Ausbildung für alle in der Werkstatt als Basis verbindlich zu machen. Er will die Trennung zwischen Künstler und Handwerker aufheben und die Bildung einer Zunft der Handwerker, wie sie im Mittelalter bereits bestanden hat, wieder ins Leben rufen. Der Künstler wird als Steigerung des Handwerkers gesehen, die Kunst ist nach diesem Grundsatzprogramm nicht lehrbar sondern wird eher einer mysthisch-religiösen Kraftquelle (Gnade des Himmels) zugerechnet (Gropius, Bauhaus-Manifest 1919). Darüber hinaus stellt Gropius einen regen Austausch ins Zentrum der Lehre, einerseits zwischen den Lehrenden und den Studierenden, andererseits bindet er die geistige Anregung des Lehrbetriebs durch externe Gastredner unterschiedlichster Bereiche der bildenden Kunst in Gestalt der sogenannten Bauhausabende in den Lehrbetrieb ein, die sowohl nach innen als auch nach außen wirken sollen (Bernhard 2017, 9).

Gruppenbildungsprozesse

Der Gedanke des interdisziplinären Austauschs kommt im Besonderen auch durch die Bildung von Künstlergruppen zum Ausdruck. Sowohl der interdisziplinäre Austausch, als auch die Bildung von Künstlergruppen stellen weitere, zentrale Merkmale für den Modernebegriff in dieser Zeit dar. Die Anzahl der Neugründungen erreicht im Jahr 1919 einen Rekord (Wilhelmi 1996, 32). Die gattungsübergreifende Vernetzung der Künstler gewinnt damit für die Moderne zunehmend an Bedeutung. Hier finden sämtliche Bereiche der bildenden Kunst, des Kunstgewerbes und der Literatur - nicht zuletzt über zahlreiche Mehrfachmitgliedschaften – ein breites Forum für den Gedankenaustausch, die Präsentation und den Verkauf.

Politischer Zugriff auf den Beginn der Bauhaus-Moderne

Eine Drehscheibe der Moderne stellt im Jahr 1919 der von 1918 – 1921 existierende und während der Novemberrevolution gegründete „Arbeitsrat für Kunst“ (AfK) in Berlin dar, in dem sich die führenden Architekten der Zeit, aber auch Maler und Kunstschriftsteller versammelten. In einem Flugblatt des AfK vom April 1919 wird im Gleichklang mit dem Bauhaus-Manifest der Einheitsgedanke und das Handwerk als Urquelle des schöpferischen Gestaltens aufgefasst (Prange 2000, 93). Darin geht der AfK über die Thesen des Bauhaus-Manifestes in politischer Hinsicht hinaus und erweitert den Einheitsgedanken bezüglich der „Einheit von Kunst und Volk“. Darüber hinaus soll „die Kunst nicht mehr Genuß Weniger, sondern Glück und Leben der Masse sein“ (Prange 2000, 93). Damit wird die gesellschaftliche Bedeutung der Kunst als Mittel der beginnenden Demokratisierung als politisches Element manifestiert.

Kathedrale als Denkbild der Moderne

Der dem Bauhaus-Manifest 1919 beigefügte Holzschnitt „Kathedrale“ von Lyonel Feininger stellt „eine Verbildlichung des Einheitsgedankens und damit den Ausgangspunkt für eine moderne Architektur dar“ (Mues 2018, 167). Der aus dem Manifest zur ersten Bauhaus-Ausstellung 1923 von Oskar Schlemmer stammende Titel zu Feiningers Holzschnitt „Kathedrale des Sozialismus“ schreibt nochmal den Gedanken des Bauhaus-Manifestes in die politische Dimension weiter fort.

Die Moderne im Rheinland

Die Moderne im Rheinland hat schon vor dem 1. Weltkrieg früh seinen Anfang durch die international konzipierte Ausstellung wie die Sonderbundausstellung 1912 in Köln, die „Ausstellung rheinischer Expressionisten“ um August Macke 1913 in Bonn sowie die Werkbundausstellung in Köln 1914 gefunden. Nach dem Krieg haben Künstlergruppen wie das Junge Rheinland um den Künstlerkreis der Johanna Ey und die Kölner Progressiven die Moderne in der rheinischen Kunstszene beherrscht.

Das im Bauhaus-Manifest durch den Holzschnitt Lyonel Feiningers aufgegriffene Denkbild der Kathedrale als Urbild des Gesamtkunstwerks und die im Manifest angedeuteten religiösen Kräfte finden 1919 unter anderem in der dem Rheinland eng verbundenen Literatur von Alfons Paquet ihren Niederschlag. In seiner Formel „Europas Jordan ist der Rhein/ man kann Weltkind und gläubig sein“ werden der Rhein und die Kathedrale zum Sinnbild einer gleichberechtigten und solidarisch nach Höherem strebenden Gemeinschaft (Muhr 2006, 66). „Die Verdichtung zu einer Idee der Erneuerung Deutschlands aus dem Geiste der Rheinideologie machte den Rheinstrom zu einem Reinigungsbad und Heilsort“ (Muhr 2006, 67). Die religiösen Anklänge im Bauhaus-Manifest mit dem Holzschnitt Feiningers finden in der Literatur Paquets ihre deutliche, religiöse Aufladung. Für die Umsetzung seiner Theorie engagierte sich Paquet in dem von Bruno Taut ausgerufenen Berliner Arbeitsrat für Kunst, wonach die geplanten Bauten auf der Grundlage des Bauhüttengedankens als Zukunftskathedralen die kommende geistige Volkskultur bestimmen sollten (Muhr 2006, 70). Damit ergibt sich eine direkte inhaltliche und regionale Verbindungslinie von der Literatur über die Region des Rheinlandes zu den Grundsätzen des Bauhaus-Manifestes.


Bibliografie:

Bernhard 2017

Bernhard, Peter, bauhausvorträge, Gastredner am Bauhaus 1919-1925, Neue Bauhausbücher, Band 4, Berlin 2017


Dipper 2018

Dipper, Christof, Moderne, www.dokupedia.de, Potsdam 2018


Mues 2018

Mues, Jenny, Kunstvereine als Vermittlungsinstanzen der Moderne in der Zeit der Weimarer Republik, München 2018


Muhr 2006

Muhr, Stefanie, Man kann ein Weltkind und gläubig sein, Die Bauhütten-Idee als Nachkriegsutopie, in: Cepl-Kaufmann, Gertrude, Krumeich, Gerd, Sommer, Ulla (Hrsg.), Essen 2006


Prange 2000

Prange, Regine, Architekturphantasie ohne Architektur? Der Arbeitsrat für Kunst und seine Ausstellungen, in: Scheer, Thorsten, Kleihues, Josef Paul, Kahlfeld, Paul (Hrsg.), Stadt der Architektur, Architektur der Stadt, Berlin 2000


Ruhl 2015

Ruhl, Carsten, Architekturgeschichte und Architekturtheorie, in: Jaeger, Friedrich (Hrsg.), u.a., Handbuch der Moderneforschung, Stuttgart 2015


Wilhelmi 1996

Wilhelmi, Christoph, Künstlergruppen in Deutschland, Österreich und der Schweiz seit 1900, Ein Handbuch, Stuttgart 1996