Die kosmische Dimension in der Kunst der Moderne 1919 - Otto Freundlich und der kosmische Kommunismus

Aus Bauhaus im Westen
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Michael Reucher

Einblick: Themenkreis

Die Geburt des Menschen hat Otto Freundlich sein im Jahr 1919 geschaffenes Mosaik (Friedrich 2017, WVZ 8) genannt. Der Künstler hat das Wandgemälde selbst als eines seiner Hauptwerke bezeichnet. Es gilt als ein Schlüsselwerk der Moderne. In dem Jahrhundertjahr 1919, ein Jahr nach dem Ende der Katastrophe des Ersten Weltkriegs, wurde am geschichtsträchtigen Ort Weimar mit der Nationalversammlung der Grundstein für die erste Demokratie in Deutschland gelegt. Im gleichen Jahr und am gleichen Ort wurde das Bauhaus gegründet, das den Modernebegriff wie kein anderer geprägt hat und dem eine Reihe von neugegründeten Reformschulen in Deutschland folgten. Auf dieser Projektionsfläche sollen in diesem Aufsatz die zu dieser Zeit aufkommenden Denkbilder der Moderne näher beleuchtet werden. Was war um 1919 zeitgemäß ? Welche unterschiedlichen Deutungsebenen ergeben sich für das Werk Die Geburt des Menschen im Hinblick auf die Kunst der Moderne 1919, welche Rolle spielt dabei der von Otto Freundlich entwickelte Begriff des Kosmischen Kommunismus und die für das Werk gewählte Technik des Mosaiks ?


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(Re-) Aktionen von Figuren, Farben und Formen

Das Wandgemälde ist vollständig mit Mosaiksteinen in vorherrschenden Rot-Gelb-Orange-Tönen gestaltetet. In der Mitte wird eine aufstrebende, gottähnliche Zentralfigur mit einem Zirkel in der Hand und einem Architekten-Dreieck gezeigt. Der rechte Arm ist leicht spiralförmig gedreht, der linke Arm gliederartig angelegt, die Beine werden durch Farbnuancen, Schraffuren und Konturlinien dargestellt. Seitlich rechts und links der Zentralfigur werden je eine kleinere Figur in Gelb-Rosa-Tönen angedeutet. Die Figurengruppe wird von einem großen, elliptischen, durch mehrschichtige Farbkreise begrenzten Raum umfaßt, die schemenhaft angedeuteten Seitenfiguren scheinen in der Ellipse aufzugehen.


Bauhaus: Der Künstler zwischen Schöpfungsakt und Gesamtkunstwerk

Die Titelmatrix des Mosaiks Die Geburt des Menschen führt zu einem zentralen Thema der Kunst in den 1920er Jahren, dem Schöpfungsakt. Die Zentralfigur des Architekten steigt im Vordergrund aufwärts und scheint nach dem Chaos des Weltkriegs den „Neuen Menschen“ zu erschaffen. Die Technik des Mosaiks stellt zusammen mit der Bestimmung des Werks als Wandgemälde den „Bau“ als Schöpfungsakt in den Mittelpunkt des von Otto Freundlich geschaffenen Werks. In dieser Arbeit Otto Freundlichs wird das von Walter Gropius zur Gründung des Bauhauses entworfene Manifest bildlich verankert, wonach „Der Bau“ als Endziel aller bildnerischer Tätigkeit gesehen wird. Der Arbeitsrat für Kunst, ein wichtiger Impulsgeber für das Bauhaus, bildet das Bindeglied zwischen Otto Freundlich und dem Bauhaus. Zusammen mit Walter Gropius und anderen Künstlern arbeitet Otto Freundlich im Arbeitsrat für Kunst an der Frage, welche Aufgabe der Kunst und vor allem dem Künstler im Gestaltungsprozeß einer neuen Gesellschaft zukommen soll. Ebenso wie im Bauhaus-Manifest stellt Freundlich in seinem Werk Die Geburt des Menschen das Gesamtkunstwerk in den Mittelpunkt, indem er Architektur, Bildhauerei und Malerei zusammenführt. Die im Bauhaus vorgedachte Vereinigung der bildenden Kunst mit dem Kunstgewerbe erreicht der Künstler in seiner Arbeit, indem er das Kunsthandwerk durch die Technik des Mosaiks einbindet. Otto Freundlich verweist in seinem Mosaik in Form der bildbeherrschenden Figur des Architekten auf den zentralen Bauhausgedanken, die Einheit der Künste und die Idee vom Einheitskünstler, den Schöpfer des Gesamtkunstwerks. Der Architekt steht deshalb hier sinnbildlich für den Einheitskünstler, sowohl für den Kunsthandwerker, den Architekten, als auch für den bildenden Künstler. Freundlich weist damit dem Künstler die Entwerfer-Funktion und damit letztendlich die Deutungshoheit für den anstehenden Schaffensprozeß des „Neuen Menschen“ in einer „Neuen Gesellschaft“ zu.


Kosmisches Denkbild und Menscheitsentwürfe

Nach dem Verständnis Otto Freundlichs geht ein Mosaik auf „kosmische Vorstellungen des Mittelalters“ zurück. Die „Strukturen alter Mosaiken“ bedeuten für ihn ein „kosmisches Gesetz“, dass als "formgewordenes geistiges Prinzip des damaligen Lebens" (Bohnen 1982, S. 230) auf den anstehenden Neubeginn nach dem Ersten Weltkrieg übertragen werden soll. Das durch die Folgen des Weltkrieges entstandene Chaos soll durch dieses kosmische Ordungsprinzip überwunden werden und als Modell für einen neuen Menscheitsentwurf dienen.


Der geschlossene Kreis: Neue Gemeinschaften und Lebensformen

Im Werk Die Geburt des Menschen werden mehrere, ineinander geschichtete und sich teilweise überlagernde, teils schwarz konturierte, helle, farbig gestaltete Linien zu einem fast über die gesamte Bildfläche reichenden, elliptischem Raum um die drei dargestellten Figuren gebildet. Aus diesem, an eine Fruchtblase erinnernden Bereich des Wandgemäldes, werden mehrere breite, ebenfalls farbige Strahlen, von den Figuren ausgehend bis an die Bildränder geführt. Die großzügigen Konturlinien, die Schraffuren, die weitläufigen Strahlen sowie die elliptische Raumstruktur geben dem Bild eine kreisförmige, dynamisch nach außen gerichtete Bewegung an die Bildränder. Die zu einer Ellipse komponierten Mosaiksteine können als Teilchen auf einer kosmischen Umlaufbahn (Gemeinschaft) gedeutet werden, wobei sich die Strahlen in das Weltall (in den kosmischen Raum) ausdehnen. Durch die künstlerische Aktion des Architekten entfaltet sich eine neue Gemeinschaftsidee (in die Welt, bzw. ins Weltall aus-strahlend), die an das „gemeinschaftlich denkende Mittelalter“ (Friedrich 2017, S. 33) mit dem Bauhütten- und Zunftgedanken anknüpft. Diese Gemeinschaftsidee, wie sie im Bauhaus als Bildungsgemeinschaft 1919 verankert ist, sieht Otto Freundlich in der Kalltalgemeinschaft in dem kleinen Eifel-Ort Simonskall der Jahre 1919 – 1921 verwirklicht. Als Gast trifft er dort Freunde wie Franz Wilhelm Seiwert und andere Mitglieder der Kölner Progressiven. Auf der Grundlage des für die Moderne 1919 prägenden Lebensreform-Gedankens wird hier eine neue Idee des Zusammenlebens und des geistigen Austauschs erprobt. So wie die Kalltalgemeinschaft sind um 1919 eine Reihe von Künstlergruppen neu gegründet worden, die den Modernebegriff dieser Zeit wesentlich beeinflußten. Die Gruppe in Simonskall betrieb eine Druckerpresse, die sogenannte Kalltalpresse, mit der die Mitglieder der Gemeinschaft eine Reihe von Texten veröffentlichten, die den Prozeß einer grundlegenden gesellschaftlichen Veränderung zum Ziel hatte. Der geistige Austausch und die Druckerzeugnisse in Simonskall vereinen den in der Kunst im Jahr 1919 prägenden Gedanken einer Siedlungsgemeinschaft mit der Idee einer Schöpfungsgemeinschaft (Cepl-Kaufmann 2017, S. 304).


Mosaiksteine als Material: Vom Gegenstand zur Abstraktion.

Die flächige, summarische Darstellung der Figuren durch Weglassen von Einzelheiten zeigt in der vorgestellten Arbeit Otto Freundlichs seine „abstrahierende Formensprache“ (Friedrich 2017, S. 46) auf seinem Weg von der Gegenständlichkeit zur Abstraktion. Das Mosaik versinnbildlicht durch die einzelnen Mosaiksteine den Prozeß der Auflösung und Vereinzelung des Gegenständlichen ins „Bruchstück-“ und ins „Skizzenhafte“ mit dem Ziel der Entmaterialisierung. Dieser Aspekt in der Arbeit Otto Freundlichs erwächst aus den Entmaterialisierungsutopien (Cepl-Kaufmann 2018, S. 74) in der Kunst der 1920er-Jahre.

Ausblick: Der offene Kreis. Kosmos, Entgrenzung und Entmaterialisierung

Otto Freundlich lehnt - ebenso wie Walter Gropius als prägende Figur des Bauhauses - das dualistische Weltbild ab. Der Künstler möchte die Gegenständlichkeit und damit die Besitzverhältnisse in der Kunst und in der Gesellschaft durch die Abstraktion und Entmaterialisierung auflösen (Friedrich 2017, S. 31). Der sich durch die bis an den Bildrand und darüber hinaus geführten Strahlen öffnende elliptische Raum zeigt eine Entgrenzung des (Welt-) Raums. Freundlich verweist damit auf die Unendlichkeit des Kosmos und die „Vierte Dimension“, wodurch er eine Neugestaltung von Mensch und Gesellschaft - jenseits bestehender (auch nationaler) Grenzen - thematisiert.


Kosmische Zusammenfassung

Das Mosaik Die Geburt des Menschen behandelt die wichtigsten Themen in der Kunst Otto Freundlichs, die gleichzeitig zu den wesentlichen Fragestellungen in der modernen Kunst um 1919 gehören. Die politische Bild-Aussage wird für Künstler wie Otto Freundlich und einem großen Teil der Mitglieder der rheinischen Künstlergruppen wie den Kölner Progressiven und dem Jungen Rheinland in Düsseldorf zu einem wichtigen Anliegen der Kunst. Das Kunstwerk wird regelrecht zu einem politischen Instrument, wodurch der „Neue Mensch in einer Neuen Gesellschaft“ geschaffen werden soll. Otto Freundlich weist dabei explizit dem Künstler die Deutungshoheit für diesen künstlerisch politischen Prozeß zu, das Gesamtkunstwerk (Bildende Kunst, Architektur und Kunsthandwerk) steht dabei im Fokus. Das Wandbild Otto Freundlichs verweist auf die Tradition und das Gemeinschaftsbild des Mittelalters, in die eine neue Kunst eingebettet werden soll. Der Künstler Otto Freundlich führt damit eine kosmische Sichtweise in Kunst und Gesellschaft wieder ein, wie man sie in den 20er-Jahre auch bei anderen Künstlern wiederfindet. Die ebenfalls in dieser Zeit aufkommenden Entgrenzungs- und Entmaterialisierungstheorien stellen für Otto Freundlich ein geeignetes Instrument dar, um nach dieser dramatischen Welt-Krise und dem Chaos nach dem Ersten Weltkrieg einen radikalen Neuanfang zu finden.

Bibliografie

Bohnen 1982

Freundlich, Otto, Ideen und Bilder, Aufzeichnungen eines Malers, (Auszug), 1940 – 1942, in: Bohnen, Ulli, Otto Freundlich, Schriften, Ein Wegbereiter der gegenstandslosen Kunst, Köln 1982, S. 230, zitiert nach: Friedrich, Julia, Otto Freundlich, Kosmischer Kommunismus, Köln 2017, S. 34


Cepl-Kaufmann 2017

Cepl-Kaufmann, Gertrude, Kosmische Utopien gegen den Krieg: Otto Freundlich im Kontext der Zeitgenossen. Paris, Berlin und das Rheinland aus: Lang, Astrid, Windorf, Wiebke (Hrsg.), Körner, Hans, Blickränder. Grenzen, Schwellen und ästhetische Randphänomene in den Künsten, Berlin 2017, S. 309


Cepl-Kaufmann 2018

Cepl-Kaufmann, Gertrude, 1919 Zeit der Utopien. Zur Topographie eines deutschen Jahrhundertjahres, Bielefeld 2018, S. 74


Friedrich 2017

Friedrich, Julia (Hrsg.), Otto Freundlich, Kosmischer Kommunismus, Köln 2017


Macke-Haus 2006

Verein August Macke Haus e. V. (Hg.), Otto Freundlich und die rheinische Kunstszene, mit Briefen an Herwarth Walden und Wilhelm Niemeyer, Bonn o. J. [2006]