Momo

Aus Orte der Utopie
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Autor: Michael Ende

Titel: Momo

EA: 1973

Verlag: Thienemanns Verlag

utopischer Ort: real/fiktiv

Genre: Am treffendsten lässt sich Michael Endes „Momo“ als Märchen-Roman bezeichnen. Bereits in der Erstausgabe von 1973 war diese Gattungszuordnung vom Verlag in Zusammenarbeit mit Ende mit auf die Titelseite gedruckt worden. Aber auch ohne den klaren Hinweis des Verlags finden sich viele eindeutige Merkmale, die „Momo“ klar als Märchen charakterisieren. Es treten beinah körperlose Fantasiegestalten in der Geschichte auf, auch auf kommunizierende, denkende und handelnde Tiere als Nebenfigurmodell wird nicht verzichtet. Darüber hinaus unterwirft sich auch die Erzählweise Endes in keiner Weise den Vorgaben eines logischen Entwicklungsromans, sondern nimmt stattdessen regelmäßig Brüche, Sprünge, plötzliche Orts- und Zeitwechsel vor, die sich fast immer so schnell, rapide und unvorhersehbar ereignen, dass es dem Leser teilweise schwer fällt, sich in der Erzählung zurechtzufinden. Eine klare Zeitstruktur sucht man vergebens, vielmehr wird sie von Ende – trickreich passend zum Inhalt umgesetzt – gänzlich aufgelöst. Es ist beinah unmöglich, erzählende und erzählte Zeit zu trennen. Schließlich findet sich auch das wichtigste Merkmal des Märchens in Endes Geschichte: eine eindeutige und klar verständliche Moral. Diese wird zwar – wie im klassischen Märchen – nicht explizit von einer Figur oder dem Erzähler formuliert, schwingt aber in der Handlung und den klar gezogenen Grenzen von „Gut“ und „Böse“ so allumfassend mit, dass auch eine Moralformulierung zum Ende des Märchens sie nicht klarer fassbar macht, als es die Handlung dem Leser nahelegt.


Kontext/Inhalt: Endes Geschichte diskutiert auf vielen Ebenen die Fragen nach dem richtigen Nutzen von begrenzter Lebenszeit und dem Umgang mit ihr. Gleichzeitig nutzt Ende seine ‚Jugend- und Kindergeschichte‘ um vielerlei Kritik am westlichen Gesellschaftssystem vorzunehmen: Kapitalismus, Kommunismus, Nationalsozialismus, Geldwirtschaft, Leistungsdruck, Selbstverwirklichung, Konformitätsdruck sind nur einige der Bereiche, die von Ende philosophisch reflektiert und einer scharfen Kritik unterzogen werden. Als positiven Gegenpol zu seiner Gesellschaftskritik stellt Ende zwischen den Zeilen immer wieder alternative Lebensmodelle ins Zentrum des Textes. So wird etwa über seine Wortwahl und die gewählten Sprachbilder immer wieder der Buddhismus ins Spiel gebracht, der mit seiner Abkehr von Leistungsdruck, der Achtung allen Lebens und seiner versöhnenden Erleuchtungsphilosophie als Kontrast zur westlichen Leistungsgesellschaft aufgebaut wird. Etwas irritierender als der buddhistische Bezug dürfte für den Leser die sukzessive Verflechtung des Romans in viele metaphysischen Denkansätzen sein, von welchen Ende zeitlebens ein großer Anhänger war und die ebenfalls im Märchen greifbar werden, wenn etwa von der Musik des Weltalls, singenden Planeten und der Musik des Herzens die Rede ist.


Epoche: Die Epochenzuordnung gestaltet sich bei „Momo“ weit schwieriger als die Genrezuordnung. Will man sich aber dennoch festlegen, dann ist Momo wohl der Postmoderne zuzuordnen. Klassischerweise prägen die Literatur der Postmoderne Phänomene wie der alles überschattende Kalte Krieg oder die beinhaltete Diskrepanz verschiedener Wertesysteme, wie sie etwa besonders nach 1945 in der Trennung der Welt in Ost und West fassbar wird. In diesem Kontext stellen sich auch Fragen nach der Auflösung von Individualität, dem Verlust und der Bedeutung von Identität, aber auch nach gender-spezifische Überlegungen, die das klassisch-natürliche Trennungsparadigma von männlich und weiblich aufzulösen suchen. So lässt sich etwa die Figur von Momo kaum wirklich begreifen. Sie wird als androgyne Figur beschrieben, die mal jünger und mal älter auf andere wirkt. Ihr Aussehen weißt keine klar männlichen oder weiblichen Attribute auf, vielmehr versucht Ende an jeder möglichen Stelle, die äußeren Merkmale von Momo so offen wie möglich zu halten und macht auch hier keine verbindlichen Aussagen. Selbst der Name von Momo ist für westliche Kulturkreise so ungewöhnlich, dass er nicht als typisch weiblich oder eben männlich gelten kann. Hier stellt Ende die Fragen nach der Bedeutung von Identität auch in Bezug auf das Geschlecht völlig neu. Die Kleidung von Momo, die als alt und zerrissen beschrieben wird, nutzt Ende, um an Momo die Fragen nach der Bedeutung von Besitz, Geld und Konsumgut zu hinterfragen und zu kritisieren. So lernt der Leser die Figur Momo, die nur in einer Höhle unter einem alten Theater mit notdürftig gezimmertem Mobiliar haust, als eine sehr zufriedene Figur kennen, die sich aus weltlichem Besitzanspruch nicht viel macht. Auch die Figur von Gigi diskutiert diese Frage – vielleicht noch drastischer als Momo. Er träumt sein ganzes Leben von Reichtum und Wohlstand, muss aber als armer Fremdenführer mit einem dürftigen Taschengeld auskommen. Irgendwann wendet sich sein Schicksal und über einen dubiosen Handel mit den „grauen Herren“ gelangt er zu Ruhm und Reichtum. Von da an scheitert jedoch die ganze Persönlichkeit von Gigi an seinem neuen Luxus und nichts bleibt von dem sympathischen Jungen übrig, der vorher mit ein paar schönen Geschichten und Erzählungen trotz seiner Armut noch recht glücklich war. Auch auf anderen Problemfeldern trägt Ende in dieser Weise der leicht skeptizistisch-dekonstruktivistischen Haltung vieler Schriftsteller der Postmoderne Rechnung und diskutiert neue Möglichkeiten von Lebensgestaltungen und Wertesystemen, die sich von den bisherigen Systemen klar abzugrenzen versuchen.


Intertextualität: Die Frage nach der Intertextualität ist für Momo kaum zu beantworten. Besonders zwischen den Zeilen werden gerade in den esoterischen, gesellschaftskritischen oder auch kulturtheoretischen Passagen des Märchens klassische Titel und Autoren im Bewusstsein des Lesers aufgerufen: die Bibel, Karl Marx, Rudolf Steiner, Adam Smith oder Silvio Gesell sind nur einige der Referenzen, auf welche über die Sprachbilder und Botschaften des Märchen-Romans verwiesen wird. All diese Bezüge werden aber nur indirekt aufgerufen und an keiner Stelle explizit genannt. Auch Autoren, Dichter, Buchtitel oder erkennbar entnommene Zitate werden im Text auf den ersten Blick nicht fassbar. So bleibt die Frage nach den intertextuellen Elementen bei Momo eher subjektiver Natur, sodass wohl jeder Leser sich an andere Texte erinnert fühlt. Auch hier bleibt Ende dem Prinzip der Offenheit treu.


utopischer Ort: Der utopische Ort spielt in „Momo“ eine sehr zentrale Rolle. Es handelt sich in dem Märchen dabei um den Ort, an welchem sich die Zeit befindet und an welchen Momo gelangen muss, um letztendlich die grauen Herren besiegen und das Märchen zum Guten wenden zu können. Dabei ist auch der utopische Ort bei Ende eher durch Offenheit denn durch Bestimmtheit geprägt. Eines Tages trifft Momo auf die Schildkröte Kassiopeia, die sie zum besagten Ort führt. Dabei laufen die beiden lange durch die Heimatstadt von Momo, bis sie in einen Teil der Stadt gelangen, der Momo unbekannt ist. Auch hier ist dem Leser nicht wirklich klar, wie sie dorthin gelangt ist. Durch geschickte Szenenwechsel bringt Ende es zu Stande, dass der Leser im ersten Moment die Figur Momo noch durch ihre bekannte Stadt begleitet, um im nächsten Absatz völlig unerwartet Zeuge einer Zwischensequenz zu werden, die an einem völlig anderen Ort mit völlig anderen Figuren spielt, um nach dieser Sequenz, fast wie in einem Film, wieder Momo zu folgen, die sich nun – nur einen Absatz später – an einer ganz anderen Stelle befindet und selbst nicht weiß, wie sie gerade dorthin gekommen ist oder weshalb es an diesem Ort plötzlich so anders aussieht. Dieser utopische Ort ist ebenfalls von absoluter Zeitlosigkeit geprägt: Es ist weder Tag noch Nacht, zwar ist es warm und hell, doch ist es Momo nicht möglich zu sagen, ob es Morgen- oder Abenddämmerung ist, die ihr das helle Licht beschert. Zudem scheint Momo weniger Strecke zurückzulegen, je schneller sie geht, sodass sie schließlich von Kassiopeia sogar den Hinweis erhält, rückwärts zu gehen, um vorwärts zu kommen. Hier wird klar, dass sich der utopische Ort gänzlich allen Naturgesetzen entzieht und stattdessen seine ganz eigene Logik aufbaut. Spätestens wenn Momo am Ende der „Niemals-Gasse“ das „Nirgend-Haus“ erreicht, wird auch hier an den sprechenden Namen des Ortes der Gedanke der Utopie fassbar. Im Nirgend-Haus begegnet Momo dann schließlich Meister Hora, dem Verwalter der Zeit, der mal alt, mal jung erscheint und dadurch eine sehr mystische Figur bleibt, die bis zum Ende nicht in der Lage ist, seine eigene Rolle in der Geschichte wirklich zu definieren. Er führt Momo an den vielleicht utopischsten aller Orte der Geschichte. Hierzu muss sie erst die Augen schließen und als sie diese wieder öffnet, befindet sie sich an einem wunderschönen See, über dessen Mitte ein großes Pendel schwingt. Jedes Mal, wenn das Pendel eines der Ufer erreicht, erblüht dort eine schillernde Blume in allen Farben und während das Pendel auf die andere Uferseite schlägt, verblüht die Blühte auf der ersten Uferseite, während auf der gegenüberliegenden wieder eine neue Blüte entsteht, die noch schöner sein soll, als die zuvor. Es handelt sich um die sogenannten Stundenblumen und erst später erklärt Hora Momo auf die Frage, an welchem Ort sie nun gewesen sei, dass sie ihr eigenes Herz gesehen habe. So verlagert Ende den utopischen Ort sehr geschickt an eine doch sehr reale Stelle innerhalb der Geschichte und schließt so vollends den Kreis der absoluten 'Ortlosigkeit'. Wie auch bei der Zeit ist es dem Leser beinah unmöglich, noch zu unterscheiden, welche Orte nun wirklich existieren und welche nicht, welche Phantasie sind und welche Realität. Wenn man wollte, ließe sich sogar das ganze Märchen als ein einziger Traum lesen, in welchem nichts real ist. So zerfließen bei Ende alle Grenzen von Zeitlichkeit und Örtlichkeit und am Ende ist genau das die große Stärke von „Momo“.


Literatur:

Autor des Artikels: Nicolas Gaspers