George, Stefan: Der Blumenelf

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„Der Blumenelf“ erschien im Jahre 1901 in „Die Fibel, Auswahl erster Verse“. Das gesamte Werk beinhaltet eine Sammlung aus einer Vielzahl der frühen dichterischen Erzeugnisse Stefan Georges, wobei diese sich keinesfalls anhand einheitlicher Themen zuordnen lassen, sondern eine enorme Diversität im Hinblick auf ebendiese Themen aufweisen. Neben begrifflichen, aussagenden, oder rein erlebnisbeschreibenden Werken verarbeitet George ebenfalls emotionale Thematiken.

Autor“

Stefan George wurde im Jahre 1868 in Rüdesheim am Rhein geboren. Im Alter von 20 Jahren begann er die großen Städte Europas zu bereisen, weshalb er zu dieser Zeit keinen festen Wohnsitz hatte. Sein Studium vollzog er ebenfalls nicht an einem Ort, sondern lebt unter anderen in Paris, Berlin und Wien. George gilt sowohl als einer der bedeutenden Vertreter der Neuromantik, als auch der Ästhetik. Er begründete den sogenannten „George-Kreis“, der von etwa 1890 bis 1915 großen Einfluss auf das dichterische Schaffen einer breiten Masse von jungen Dichtern hatte, indem ihre Gedichte in der von George und Carl August Klein gegründeten Zeitschrift „Blätter für die Kunst“ veröffentlicht wurden.

Titel

Der Blumenelf


In der bergschlucht wo niederschellt

Der gletscher schmelzendes eis

Da hatte ein blumenelf sein zelt

Im kelch eines edelweiss


Er lebte in seliger lust dahin

Genährt vom ätherischen trank

Er spielte froh wenn die sonne schien

Und träumte süss wenn sie sank.


Da sprosste zu seinen füssen nicht weit

Im felsigen gähnenden schacht

Die alpenrose im rötlichen kleid

In zarter und herrlicher pracht.


Er sah sie und seine ruhe war fort ..

Nicht mehr der köstliche saft

Der sonne schein und der trauliche ort

Ihm freud und erquickung verschafft.


Ach sie vernahm es nicht was er sprach

Nicht konnte er flehend ihr nahn ..

Er welkte dahin von tag zu tag

Verzehrt von dem blinden wahn.


Und wieder einmal war sie erwacht

Geküsst von den perlen des taus

Und sah er sie leuchten in aller pracht –

Da hielt er es nicht mehr aus:


Er stürzte des sichern verderbens bewusst

Nach ihr in den gähnenden schlund

Und presste im fallen in brennender lust

Die blume an seinen mund.

Publikationsdaten:

Stefan George: „Die Fibel. Auswahl erster Verse“; Berlin: Bondi, 1901

Gedichtanalyse:

Analyse

Ausgehend von einer auktorialen Erzähperspektive beinhaltet „Der Blumenelf“ die Beschreibung eines vom unbedingten Verlangen angetriebenen Blumenelfen. Dieser lebt in voller Erfüllung „genährt vom ätherischen trank“ (Vers 6), von der aufegehenden Sonne belebt „im kelch eines edelweiss“ (Vers 4). In der zu seinen Füßen liegenden Bergschlucht (Vgl. Vers 1) sprosst eine „alpenrose im rötlichen Kleid“ (Vers 11), die seine bisherige Ruhe und Erfüllung beseitigt zu haben scheint.

Nach Tagen des Wahns, voller Verlangen nach der Alpenrose, die er in der Tiefe der Schlucht niemals hätte erreichen können (Vgl. Vers 18: „Nicht konnte er flehend ihr nahn . .“), ergreift ihn das unaufhaltsame Verlangen. Im Bewusstsein des sicheren Endes stürzt sich der Blumenelf der Alpenrose entgegen (Vgl. Vers 25-26: „Er stürzte des sichern verderbens bewusst - Nach ihr in den gähnenden schlund“), um im letzten Augenblick seines Lebens sein unbeschreibliches Verlangen, die „brennende[r] Lust“ (Vers 27), die nun zu vollkommener Gier geworden zu sein scheint, zu befriedigen.

In Fassung von 7 Strophen mit jeweils 4 Versen beschreibt jede ebendieser Strophen einen Sinnabschnitt. Mit jedem durch eine Strophe beigesteuerten Abschnitt erlebt die Erzählung eine der Klimax ähnliche Steigerung bis hin zum möglicher Weise tragischen Ende der beschriebenen Figur.

Das kontinuierliche Auftreten von Kreuzreimen, sowohl in reiner (Vers 1+3: „niederschellt – zelt“), als auch in unreiner Form (Vers 17+19: „sprach – tag“), in Verbindung mit einer männlichen Kadenz, verleihen dem Werk einige Eigenschaften die nach verschiedenen Definitionen auf die Bezeichnung eines „lyrischen Gedichts“ zutreffen. Nach Hiebel sorgt ebenfalls die ohne Frage vorhandene Versrede, die Teil der sogenannten „Überstrukturiertheit“ innerhalb „lyrischer Gedichte“ für die klare Identifizierung als ebensolches. Eine weitere Grundvoraussetzung für die Identifikation als solches ist ein vorhandener Rhythmus, in dem das Gedicht gelesen, und als Folge dessen vom „normalen“ Sprachgebrauch abgegrenzt werden kann.

George als Vertreter des Ästhetizismus bedient sich neben formell greifbaren Aspekten ebenfalls an sprachlichen bzw. rhetorischen Mitteln wie beispielsweise dem Dahinwelken des Blumenelfen (Vgl. Vers 19: „Er welkte dahin von tag zu tag“) in Form einer im weitesten Sinn durch generelle Verständlichkeit greifbare Metapher bzw. „Verdinglichung“. Demgegenüber steht eine Personifikation, die der Alpenrose die Fähigkeit des allmorgendlichen, menschlichen Erwachens zuspricht (Vgl. Vers 21: „Und wieder einmal war sie erwacht“).

Im Hinblick auf Hiebels Ansatz zur Moderne, mit dem er vielerlei Ideen zur zeitlichen Einordnung der Moderne aufnimmt, lässt sein Anführen von einerseits fiktionalen, andererseits jedoch ebenso geradezu menschlichen Inhalten die Einordnung in den Bereich der literarischen Moderne zu, obgleich Georges „Der Blumenelf“ mit seinem Entstehungszeitraum im Jahre 1887, als nicht „passend“ aufgefasst werden kann.

zeitliche/Stilzuordnung:

George bedient sich an Mitteln, die vom heutigen Standpunkt aus gesehen, als typische Elemente der Neuromantik gelten. Naturmotive, oder emotionale Hingabe rücken diesem Fall besonders ins Auge. Im Anbetracht des Zeitraumes zwischen 1890 und 1915, in dem die Neuromantik datiert wird, kann davon ausgegangen werden, dass „Der Blumenelf“ eines der ersten, den fließenden Übergang zweier Epochen einleitenden Werke darstellt.

Moderne-Ansatz“

Das Spektrum der modernen Poesie: Interpretationen deutscher Lyrik 1900-2000, Hans H. Hiebel - Bd. 1, 2005

Literatur

George, Stefan: „Die Fibel: Auswahl erster Verse“; Düsseldorf: Küpper 1969, 1. Aufl. 1927

Das Spektrum der modernen Poesie: Interpretationen deutscher Lyrik 1900-2000, Hans H. Hiebel - Bd. 1, 2005

http://gutenberg.spiegel.de/autor/stefan-george-192

http://www.wolfgang-waldner.com/nachforschungen/der-george-kreis/

http://de.wikipedia.org/wiki/Neuromantik

AutorIn des Artikels: Rouven Kircher